Therapie Nr. 55

Um 8h15 habe ich den Termin zur Therapie in der Insel. Station Onkologie. Alle zwei Wochen am Donnerstag morgen.

Zuerst muss ich mich anmelden und alle Formalitäten erledigen. Danach bekomme ich meine Mappe mit den Unterlagen. Darauf steht immer was alles geplant ist. Von der Blutabnahme bis zur Therapie selber. Welche Medikamente ich sonst benötige etc. Und danach muss ich mich über den Port-à-cath anstechen lassen. Der sitzt bei mir rechts unter dem Schlüsselbein. Der Port führt durch die Vene direkt vor die Herzkammer.

Das hat sich inzwischen gut eingespielt. Der Stich geht schnell und geübt. Die Vene wird gespült und danach Blut abgenommen. Etwa vier Röhrchen. Danach wird der Port abgeklebt.

Weiter ins Wartezimmer; warten, warten, warten… bis mein Arzt kommt. Dr. S.

Dr. S. ist zufrieden mit mir. Die Blutwerte sind wie immer in Ordnung. Am Anfang der Therapie hatte ich erhebliche Nebenwirkungen und meine Blutwerte waren katastrophal. Inzwischen ist der Gang zur Blutkontrolle ein Kinderspiel.

Wir haben noch weitere Termine abgemacht. Unter anderem den Termin für die Computer-Tomographie vom Hals, Thorax (Lungenbereich) und Abdomen (Bauchraum) und ein MRI vom Kopf. Am 21. Februar ist es wieder soweit. Das wird wieder eine schwierige Zeit bis dahin. Die Leute um mich herum werden nervös, womit ich öfters Mühe habe. Die Stimmung ist jedes Mal versaut und ich fühle mich danach immer schuldig. Schuldig, das sich die Leute jetzt wieder Gedanken darüber machen, Sorgen machen und mich damit halb ersticken. Dabei ist es für mich gar nicht so schwer. Meine Einstellung zum Leben und auf den Lauf der Dinge (Einfluss gleich Null) hat sich durch diese Krankheit so verändert. Jedes Mal stelle ich mir die gleiche Frage: Wieso sollte ich mir Sorgen über etwas machen, das ich in keinerlei Weise kontrollieren kann? Das ist Überflüssig! Aber ich bin eben ICH und ich muss akzeptieren, das nicht alle so mit Problemen umgehen können. Meine Ungeduld… und das tut mir wiederum sehr leid.

Gut, weiter gehts. Wieder in den Behandlungsraum für die Therapie. Je sechs Personen haben in einem grossen Zimmer Platz. Der Raum ist grosszügig und hell. Die Fenster gross und mit Sicht in einen kleinen Park. Hab zwar noch nie jemand in diesem Park gesehen…. aber ja. Auf einer Seite sind drei Liegestühle, dick gepolstert. Auf der anderen Seite drei Spitalbetten. Wenn ich aussuchen kann, entscheide ich mich immer für die Liege. Alle Einstellungen am Stuhl tätigen und schon kommt die nette Dame um mich anzuschliessen. Tee, Kaffe wer will, wer hat noch nicht… Nein ernst, sie geben sich wirklich Mühe mit den Patienten.

Meist bin ich mit Abstand die Jüngste im Raum. Und die Statistik gibt mir Recht. Bösartige Tumoren sind eine Krankheit der Alten. In unseren Breitengraden stirbst du im Alter entweder an Herz-Kreislauf-Krankheiten oder an Krebs. Nun gut, zumindest fühle ich mich jedes Mal zu Recht jung, wenn ich dort aufkreuze. Manchmal, und das beschäftigt mich immer am Meisten, kommt ebenfalls ein Junges/Junger daher. Damit habe ich Mühe. Es tut mir dann immer unsäglich leid. All die verpassenen Chancen., Wünsche und Träume…. und das perverseste…. ich sehe nicht mal, das ich genau in dieser Situation stecke!!

Wenn ich angeschlossen bin, läuft die Therapie in der Regel etwa eine Stunde. Zeit, in der mir immer viel durch den Kopf geht. Dieses Mal bleibt mir der 21. Februar im Kopf. Von diesen Untersuchungen hängt immer soviel ab. Schaffe ich es wieder? Die Auswirkungen eines negativen Bescheids wären riesig. Aufgrund meiner Geschichte, werde ich nie das Gefühl los, das ich es nicht anders verdient hätte und erwarte bereits ein schlechtes Ergebnis. Natürlich würde ich das nie sagen. Trotz meines starken Selbstbewusstseins, hege ich eine starke Schwäche für meine Bedeutungslosigkeit. Ja ich weiss, das verstehen die Wenigsten. Ich laufe schon mein ganzes Leben mit diesem Gefühl herum und die Krankheit tut da natürlich sein Übriges. Und trotz Jahren in der Therapie und dem richtigen Willen, dieses Gefühl abschütteln zu wollen, geht es nie weg.

So die Therapie ist zu Ende und ich bin müde. Eine direkte Nebenwirkung der Infusion. Ich gehe nach Hause und lege mich erst mal ein wenig hin.

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