Retrospektive

 

Mein lieber Mann

Mein Mann und ich sind seit (Stand 2019) 15 Jahren zusammen. In meinem Alter sicher schon eine lange Zeit.
Er war nicht meine erste Beziehung, aber ich war vorher noch nie verliebt oder geschweige hätte jemanden geliebt. Nein, ich war in dieser Sache ziemlich unerfahren.
Mein Leben war vor ihm wild und ich habe mich in allen Richtungen stark ausgelebt. In jeglicher Hinsicht.

Als ich ihn das erste Mal sah, hat er so wunderschön gelacht…

Es war im Restaurant meiner Tante. Ich arbeitete dort als Servicekraft um ein wenig Geld neben der Schule zu verdienen. Er war Student und immer am Dienstag Abend mit seinen Stammtisch-Freunden regelmässig bei uns im Restaurant.
Eine Zeit lang habe ich ihn nicht wahrgenommen. Erst als ich dieses eine Lachen gesehen habe… Wer es kennt, weiss, es ist absolut ehrlich und so voller Energie. Daraufhin wollte ich ihn unbedingt kennen lernen. Total unverfänglich wie ich war, ohne der Konsequenzen bewusst zu sein.

Da war ICH, ein gebranntes Kind mit schwieriger Geschichte. Und da war ER, aus gutem Hause mit einem geradlinigem Leben. Alles was er in den Angriff nahm, verlief sauber und ohne spektakuläre Zwischenfälle ab. Sein Leben glich sanften Wellen. Er durfte seiner Familie vertrauen und diese stützte ihn auch in allen Belangen. Eben so, wie es sein sollte.

Das war bei mir total anders. Ein beständiges Leben war mir völlig fremd. Unstetig, laut und lebendig, ohne Heimat- und Beziehungsgefühl. Mein Leben glich einer Berg- und Talfahrt sondergleichen. Familie war mir ein Fremdwort.

Ich wuchs als Älteste von fünf Kindern in verschiedenen Welten auf. Da war mein Vater, Schiffskapitän und immer unterwegs. Entsprechend natürlich auch wir Kinder. Die ersten Jahre lebten wir auf dem Schiff, mal in der Schweiz, mal in Amsterdam, Rotterdam oder Antwerpen. 
Auf der anderen Seite meine Mutter. Eine überforderte und sehr schwierige Persönlichkeit. Ich wuchs insgesamt in verschiedenen Kantonen auf und war auch längere Zeit in einem Kinderheim. Leider habe ich viele, sehr unschöne Dinge erlebt. Das möchte ich jetzt auch nicht näher erläutern. Es sei nur soviel gesagt, dass mein Leben alles andere als normal verlief und ich auch keine Ahnung davon hatte, was den ein annähernd „normales“ Leben wäre.

So geschah es dann mit meinem Mann. Zwei total verschiedene Welten prallten aufeinander. Und trotzdem zogen wir uns magisch an.

Wir kamen schnell zusammen und genau so schnell stiess ich ihn auch wieder ab. Er war mir zu „normal“. Für mich war er wie ein Ausserirdischer. Das fühlte sich so krass an für mich, diese Normalität. Ich glaubte nicht daran, dass sowas funktionieren könnte.
Natürlich war er schwer verletzt ab meiner „Abstossungsreaktion“. Es tat ihm unglaublich weh und ich habe ihm das Herz gebrochen. Völlig unbekümmert von meiner Seite.
Er war total vernarrt in mich. Allein das war mir schon suspekt. Ich hatte keine Ahnung, was das war. Hatte keine Ahnung von Emotionen. Diese waren mir mehrheitlich fremd.
Also hatte ich mein Herz entsprechend nicht geöffnet und so tat mir das nicht weh wie ihm. Ich wusste nicht einmal, das man solche Gefühle überhaupt haben konnte.

Und doch berührte es mich irgendwo… Es liess mich nicht los. Dieses sanfte Gefühl von seiner Seite hat mich bewegt. Es löste in mir das Gefühl von Bedauern und Mitgefühl aus. Bedauern über meine Unfähigkeit und Mitgefühl, dass ich ihm damit weh tat. Ich war jemandem WICHTIG. Ein völlig neues Gefühl.

So kam es, dass ich ihn nach einiger Zeit darum bat, mir zu verzeihen und es doch noch einmal zu versuchen. Und ganz ehrlich, ich habe noch heute keine Ahnung, warum ich das tat. Dieses Verhalten war dazumals ganz was Neues von mir.
Er war überglücklich und verzieh mir meine Unreife. Trotz anfänglicher massiver Gegenwehr seiner Familie, habe ich ihn nie mehr losgelassen.

So fing unsere Beziehung an. Ich, 18 Jährchen und im Gymnasium, er mit seinen 23 Jahren und im Studium. Wir hatten eine wahnsinnig schöne Zeit.
Freiheit und Jugendlichkeit. Wir machten alles was man tun konnte und erfreuten uns sehr am Leben. Über Jahre hinweg. Uns wurde es nie langweilig. Er hat mich auch gewissermassen durch seine „Normalität“ von meiner Vergangenheit befreit und dadurch war ich dann fähig mich selbst zu heilen. Mir gezeigt, wie schön das Leben war und wie ich es zum angenehmen wandeln konnte. Ich wollte alles von meiner Vergangenheit abstreifen und so „normal“ sein wie nur möglich. Mein Bedürfnis nach Beständigkeit war riesig und ich war wahrscheinlich der einzige Mensch, der die Langweiligkeit genoss.
Natürlich benötigte ich damals Hilfe für die Bewältigung meiner Vergangenheit und ging auch entsprechend jahrelang in Therapie deswegen.

Die anfängliche Gegenwehr seiner Familie dauerte noch eine schöne Weile an, aber wir hatten auch diese überstanden. Es war ein anstrengender Kampf. Aber es hat sich umso mehr gelohnt.
Nach etwa 5 Jahren, hatten wir eine wunderbare Beziehung mit seiner ganzen Familie. Auch heute noch, sind mir alle Familienmitglieder so sehr ans Herz gewachsen und ich würde sie niemals loslassen wollen.

Schwiegervater ✞

Ebenfalls nach 5 Jahren unser Beziehung, ist dann auch der Vater meines Mannes frühzeitig an einem Herzstillstand gestorben. Das war sehr einschneidend für alle. Er war auch mir sehr nahe gestanden. Er war ein bisschen der Ersatz-Vater für mich. Ich verstand mich ausserordentlich gut mit ihm. Es tat mir sehr weh, die ganze Familie so leiden zu sehen. Nicht nur das. Er war die erste Person in meiner Nähe, der gestorben war. Das hat mich ziemlich mitgenommen und geprägt. Ich sah das erste Mal in meinem Leben einen toten Menschen. Und ich war echt schockiert. Ich habe nicht wissen können, dass sich der Mensch mit dem Tod so extrem verändert. Ich war danach ein bisschen traumatisiert. Es war eine schwierige Zeit.
Auch, das schon sein Grossvater wegen dem Herz früh gestorben ist. Und jetzt noch der Vater. Es liegt offenbar in der Familie, dass die Männer der einen Seite früh versterben. Das ist irgendwie beängstigend.

Unsere liebe Tochter

Dieses Erlebnis hatte uns sehr geprägt und wir haben uns dann als Paar entschieden, dass wir bereit waren für unsere eigene Familie. Der Tod des Vaters, hat uns wieder zum echten Leben zurück gebracht und uns gezeigt, was wichtig war. Wir waren beide noch jung, aber genau dann fühlte es sich absolut Richtig an. Und wir haben diesen Schritt niemals bereut.

Die Schwangerschaft war nicht so toll und auch die Geburt war sehr schwer. Ich lag dann leider etwa zwei Tage in schmerzhaften Wehen und musste mich dann für einen Kaiserschnitt entscheiden. Das war die richtige Entscheidung. Den der Kaiserschnitt verlief problemlos und ich hatte danach keinerlei Beschwerden.
So kam unsere Tochter im Jahr 2010 auf die Welt. Unser Glück war absolut Perfekt. Und sie war beispiellos unkompliziert, schlief sehr rasch durch und war auch durch ihr einnehmendes Wesen ein sonnenschein. Ein wunderbares Wesen, dieses kleine Würmchen. Sofort haben wir uns in sie verliebt. Klar, litt unser Paarleben ein wenig. Aber wir wussten immer, das ändert sich dann wieder, wenn die Zeit kommt. So haben wir das wunderbar hinnehmen können und uns im Moment auch nicht gross daran gestört.
Auch war die ganze Familie total entzückt. Das erste Urenkel- und Enkelkind. Alle waren sofort in dieses lebendige, aufgeschlossene und liebevolle Wesen vernarrt. Wir waren rundum glücklich, teilten uns die Arbeit und die Kinderbetreuung. Wir machten in dieser Zeit auch sehr erfolgreich unsere Weiterbildungen im Finanzwesen. Es lief alles am Schnürchen. Es hätte so weitergehen können.

Mein Mann war, trotz des frühen Todes durch den Vater, äusserst ausgeglichen und konnte viel Kraft aus dem kleinen Würmchen ziehen. Natürlich vertraute er darauf, wie gut das Leben per se war.
Wir verstanden uns als Paar blendend. Hatten viel zu lachen, redeten stundenlang, unternahmen sehr viel und wir liebten uns so wie alles war.

Meine liebe Grossmutter ✞

Im Jahr 2011 hatte ich gleich zwei Todesfälle zu bewältigen. Zuerst starb meine geliebte Grossmutter, die Mutter meines Vaters. Es nahm die ganze Familie sehr mit. Sie war ein unglaublicher Mensch. Diese herzensgüte, die von ihr kam. Diese Geduld und Freude, wenn ich zu ihr kam. Es tat mir unglaublich weh, als ich davon erfuhr. Der Schock sass tief und der Schmerz ebenfalls. Es war für mich damals niemals möglich, dass sie sterben könnte. Für mich war sie unsterblich, so naiv war ich. An diesem Schicksal hatte ich eine rechte Weile zu knabbern. Noch heute kann ich gewisse Dinge nicht essen, ohne das es ein Schmerz auslöst. Die Erinnerung, wie sie gewisse Dinge für mich zum Mittag- oder Nachtessen zubereitete…

Bruderherz ✞

Der zweite Tod beschäftigte mich noch viel mehr und tut es heute immer noch. Es war mein Bruder. Er ist 1 ½ Jahre jünger als ich. Er ist im Alter von nur 24 Jahren, von einer Sekunde auf die Andere an einer schweren Hirnblutung, durch ein Aneurysma, gestorben. Das kommt sehr selten vor und ihn erwischte es.

Dieser Schmerz geht leider nicht mehr weg. Wir beide sind uns als Kinder sehr Nahe gestanden. Später konnten wir uns genau wegen des gemeinsam Erlebten nicht mehr ausstehen. Es zerriss uns, die Vergangenheit. Sie machte unsere Beziehung dann schwer. 
Das gemeinsame Erlebte beinhaltete leider viel Negatives. Es schweisste uns als Kinder zusammen, aber zur Bewältigung der Vergangenheit, trieb es uns auseinander. Das ist jetzt einfach so. Aber der Schmerz ist unendlich.

Sein Ableben tut mir heute noch gleich weh, wie damals. Sein Leben war so tragisch und das Ende noch viel mehr. Es tut mir unendlich weh, dass er nicht die Chance hatte. Das Leben auch von der wundervollen Seite zu sehen. So, wie ich das Erleben durfte. Ich liebte ihn heiss und dieser Schmerz…

Also ist es heute so, das mir der Anblick seiner Fotos sehr weh tut. Ich schaue regelmässig in einen wunderschönen Himmel und bin ihm seltsam Nahe. Ich wünsche mir sehr, dass er seinen Frieden gefunden hat. Mein verstorbener Bruder ist gewissermassen meine Achilles-Sehne. Ich kann heute wirklich über jedes Thema meiner interessanten, tragischen Biografie sprechen. Aber über den Bruder kann ich es nur schwer. Ein Teil von mir ist mit ihm gestorben.
Der Schmerz ist noch nicht weg und ich weiss nicht, ob das jemals der Fall sein wird. Es sind doch schon ein paar Jährchen durch, doch die Zeit scheint es nicht zu heilen.

Unser lieber Sohn

Im Jahr 2015 kam unser Sohn zur Welt und das veränderte schon mal sehr viel. Die Schwangerschaft war äusserst anstrengend. Ich fühlte mich immer unbehaglich, die Hormone fluteten mich so dermassen, dass ich oft ausserstande war, normal zu denken. Das war eine grössere Belastungsprobe. Ich war nicht ich selbst. Und auch rückblickend, kann ich dieser Zeit nicht viel abgewinnen. Zum Glück wusste ich dann noch nicht, dass es schlimmer werden würde.

Die Geburt war dieses Mal ein geplanter Kaiserschnitt und ein absoluter Albtraum. Es wurde wieder eine Spinalanästhesie vorgenommen und als ich mich hinlegen musste, lief das Narkotikum den Spinalkanal hinauf und lähmte einen Teil des Brustkorbes. Womit mir die Atmung erschwert wurde und der Blutdruck zu stark zu sanken begann. Es war eine beängstigende Erfahrung. Innerhalb von Minuten musste mein Kreislauf mehrmals stabilisiert werden. Aufgrund dessen musste dann auch der Sohn rasch auf die Welt geholt werden. Und pünktlich als er auf die Welt kam, wirkten all die Medikamente, die mir gespritzt wurden. Und so konnte ich erleben, wie der Sohn seinen ersten Schrei tat. Und er hörte nicht mehr auf zu schreien. Schon als ich ihn dann später auf die Brust nahm, spürte ich diese unbändige Liebe, aber auch, dass er ganz anders war. Ich spürte seine Unzufriedenheit schon in der ersten Stunde. Dieses Gefühl hatte ich bei der Ersten nicht annähernd. Und ich sollte auch recht behalten. Er war bereits im Krankenhaus sehr unzufrieden. Schreite viel und wollte nie so, wie es gerade war. 

Also hatten wir da ein total unzufriedenes Neugeborenes und eine lebendige bald fünfjährige.

Der Kleine Junior verbrauchte sämtliche unsere Energie. An Schlaf war nicht annähernd zu denken. Im Stundentakt schrie er jeweils eine weitere Stunde. Schlief eine Stunde und schrie danach wieder eine Stunde durch. Er wollte nicht trinken, nicht herumgetragen werden, nicht schlafen… Er wollte nichts. Nur schreien. Das war unsere grösste Herausforderung und brachte mich zeitweise in einen seltsamen Zustand. Da waren dann einige negative Gedanken mit dabei. Und doch liebte ich diesen kleinen Wurm. Er tat mir so leid in seiner Unzufriedenheit. Wenn ich ihn heute sehe… Er ist immer noch kompliziert, das ist geblieben. Aber er ist so unglaublich liebenswürdig, zart und interessiert an allem. 

Für die Grosse war das natürlich äusserst einschneidend. Sie war schon fast fünf Jahre alt, als der Kleine zur Welt kam.

…..FORTSETZUNG FOLGT….

 

 

 

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