Trennung?

Körperlich sowie geistig bin ich müde. Eine bleierne Müdigkeit. Es sind in der letzten Zeit ein bisschen viel Dinge auf mich zugekommen.

Seit zwei Tagen ist auch klar, dass die Beziehung mit meinem Mann vielleicht zu Ende geht. Wir haben uns seit Beginn der blöden Krankheit sehr unterschiedlich entwickelt. Und wie in anderen Beiträgen auch erwähnt, haben Fehler stattgefunden, die schwer wieder auszubügeln sind.

Doch ein wichtiger Grund ist, die Krankheit hat uns zu einer Veränderung der Lebensziele und Lebensphilosophie gezwungen.
Vorher waren wir in vielen Dingen ähnlich und haben viele Perspektiven zusammen geteilt (siehe Beitrag „Retrospektive“). Wir haben aber auch sehr viel miteinander geredet und unsere Träume vorgestellt. Der Konsens war gegeben. Mit der Erkrankung standen wir uns manchmal wortlos gegenüber. Es schnürte uns gewissermassen die Kehle zu. Und das Thema Nummer 1 war lange Zeit vor allem die Erkrankung und was es alles mit sich bringt. Man wagte nicht mehr in die Zukunft zu blicken. Das Positive verschwand in der ganzen Masse an schweren Gefühlen wie Angst, Wut und Verzweiflung.

Als das lebensbedrohliche Urteil mit den Lungenmetastasen kam, habe ich mein Leben in vielen Bereichen komplett geändert. Die Perspektiven im Leben werden auf einen Mini-Raum komprimiert…Vieles relativiert sich so stark, das es manchmal unerträglich ist. Ich denke nicht in Jahren, schon mehrere Monate sind für mich eine echte Herausforderung. Und ja, etwas depressiv oder schwermütig bin ich sicher auch geworden. Wer mag es verdenken?
Die Grosseltern meines Mannes sind, innerhalb eines Jahres, beide an Krebs gestorben. Damals war die Erkrankung bei mir schon weit fortgeschritten. Die Situation war mitunter etwas grotesk. Es tat weh… Vor allem zu sehen, wie die Angehörigen leiden. Welchen Schmerz es verursacht. Ich fühlte mich leer, hilflos und war wütend über alles.
Doch die Grosseltern hatten ein sehr schönes, erfülltes und reiches Leben… Sie waren beide alt geworden und waren das Leben hindurch gesund. Meiner kleinen Familie und mir selber tat es unsäglich weh, dass ich das nicht würde erleben können. Solche Empfindungen verändern einen zwangsläufig, machen einen schwermütig, traurig und wütend.
Wie konnte man das vergleichen? Gar nicht… Ich fühlte mich wie ein Ausserirdischer! Vor allem an der Beerdigung.

Meine Interessengebiete haben sich geändert. Meinen eigenen Körper habe ich früher exzessiv verbraucht. Habe ihn gehasst, habe ihn malträtiert im Sinne von vielen Zigaretten, ungesundem Food und vielem mehr. Plötzlich konnte ich das einfach nicht mehr. Was sich positiv anhört, ändert aber auch den Lebensstil und die Meinung darüber was eine gesunde Lebensweise ist. Es verändert einen Grundsätzlich, wenn man plötzlich erkennt, wie wichtig eine gesunde Lebensweise ist. Heute treibe ich viel Sport und achte auf eine gesunde Ernährung (mehr oder weniger).

Auch war mir die Relativität des Lebens bewusst geworden. Viele Dinge interessieren mich schlicht nicht mehr. Und das hat nicht mit Depressionen zu tun. Es interessiert mich doch herzlich wenig, ob mein Po jetzt ein paar Dellen hat oder nicht. Oder am Freitag das Festli von XY um 14h00 oder 14h30 beginnt… Ob meine Tochter jetzt nicht so gross gewachsen ist (diese blöden Vergleiche gehen mir sowas von auf den Sack!).

Gerade das eigene Aussehen.. Man wird sich zwangsläufig bewusst, wie fragil so ein menschlicher Körper ist. Die letzten 3 Jahre, habe ich doch 10 Operationen durchlebt. Narben wurden zugefügt und andere wieder genommen. Oder man kotzt sich den halben Leib aus oder scheisst sich den Bauch leer, sehr unglamourös und total unsexy. Man hängt viele Stunden an der Kanüle, sieht öfters echt furchtbar aus… und so weiter und sofort.
Natürlich wirkt man da dann sehr abgeklärt, was das menschliche Leben angeht. Aber das ist mir lieber, als blind durch die Welt zu hetzen, wie ich es täglich bei Anderen sehe.

Und ja, wenn ich mit Menschen spreche, will ich ihr wahres Ich sehen. Mich interessieren diese gekünstelten „Ja mir/uns geht es Prima!“ nicht die Bohne. Das überhöre ich geflissentlich. Ich bin dadurch kein guter Partygast mehr. Ich spreche einfach nicht gerne über das Wetter!
Mich interessieren die wahren Menschen. Sie sollen mir von ihren richtigen Beweggründen und ihren echten Gefühlen erzählen. Alles andere ist anstrengend und verbraucht viel Energie und Zeit. Das wahre Leben findet eben anderswo statt. Dadurch bin ich manchmal etwas brüsk.. oder anders gesagt, ich frage die Personen dann gerade direkt. Und darin bin ich ein echtes Talent geworden. Damit können nicht alle umgehen.

Harmonie war mir früher ebenfalls wichtig. Vor allem solange es mir selber diente. Ich gebe zu, ich war eine Narzisstin. Habe gerne meine Ellbogen rausgefahren und die Menschen verletzt, nur um mein Ego zu bedienen. Es interessierte mich selten, was die Menschen bewegte, ausser ich konnte es zu meinem Vorteil ausnutzen. Darin war ich leider auch gut. Das tut mir heute alles sehr leid. Es schmerzt mich, wieviele tolle Menschen ich absichtlich verletzt habe, für so kleinen Scheiss.

Nunja, genau das ist heute alles anders. Damit muss man auch zuerst umgehen können. Und darin sind wir in unserer Beziehung wahrscheinlich ebenfalls gescheitert. All diese Veränderungen, Positive wie negative, zerren an einer stabilen Beziehung.

Vielleicht hilft am besten ein Gedankenspiel dazu:
Du triffst in deinem Leben, DEM Mann / DER Frau, liebst ihn/sie leidenschaftlich und heiratest ihn/sie. Nachher passiert etwas gravierendes und nebst dem ganzen Leid, das es mit sich bringt, hast du eine ganz anderer Mann/Frau vor dir. Die Person, die du geheiratet hast und die du so innig geliebt hast, existiert mit der Zeit nicht mehr…

Wenn du erfolgreich weiter diese Ehe führen willst, bist du dazu gezwungen, diese Person neu kennen zu lernen und dich neu zu verlieben. Und neu lieben zu lernen. DAS ist echt viel verlangt. Kann oder Darf man das verlangen? Muss/Soll sich der Partner der neuen Umgebung anpassen? Aus Pflichtgefühl? Die Fragen des Lebens… Wer mir sie beantworten mag, bitte.

Gut, soviel zu den eventuellen Beweggründen für das Ende… Es spielt schlussendlich nicht so eine grosse Rolle. Aber… Es ist unendlich traurig und mir tut das unfassbar weh. Ich fühle mich sehr matt und leer. Und natürlich noch viel müder als auch schon. Und das Schlimmste…, ich weiss das der Schmerz noch viel grösser ist. Ich kann das einfach noch nicht zulassen. Wir werden sehen, wann das genau kommt.

Gestern habe ich noch mit meiner Schwester sowie zwei Freundinnen über die Trennung gesprochen und später hat mir das alles solche Angst gemacht. Sie frass mich förmlich auf und nahm mir jegliche Luft zum atmen. Dann diese Leere…
Später habe ich dann auch noch mit der Schwiegermutter ausführlich darüber gesprochen. Das hat mir sehr geholfen. Das tönt ein bisschen komisch, dass ich die Schwiegermutter kontaktierte.. Doch sie hat einen guten Blick für solche Probleme und kann hilfreiche Ratschläge erteilen.
Mir kamen im Gespräch nur noch die Tränen und ich hasste meine Krankheit noch mehr als ich das eh schon tat. Die Schwiegermutter setzte mir dann auch schonungslos den Spiegel vor. Und das tat so weh. Doch ihr Vorschlag, dass es eventuell das Beste wäre, eine Trennung auf Zeit in Erwägung zu ziehen… Das brach mir das Herz und fühlte sich gleichzeitig richtig an.
Mein Mann hat dann ebenfalls noch mit der Mutter telefoniert. Lange telefoniert. Anschliessend haben wir uns selbst zusammen gesetzt und haben lange darüber gesprochen. Es war ein intensives und sehr konstruktives Gespräch. Wir waren uns einig, dass eine solche Trennung das Richtige wäre…
Und doch…, am nächsten Tag haben wir wieder geschwankt. Wir wissen, wie kaputt unsere Beziehung ist und zu retten in diesem Sinne ist auch nichts mehr. Liebe kommt nicht einfach wieder.

Das Problem ist folgendermassen:

Wir haben zwei relativ kleine Kinder, also 4 und bald 9. Der Betreuungsaufwand in diesem Alter ist nach wie vor relativ gross. Wie sollen wir das bewerkstelligen? Jede „Lösung“ ist schwierig umzusetzen! Also gibt es noch keine Lösung. Wir werden uns damit Zeit lassen. Uns das alles schön durch den Kopf gehen lassen. Hier ist Geduld und Vorsicht gefragt. Beides eigentlich nicht meine Stärken, aber dieses Mal bin sogar ich dieser Meinung.

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