Letzte Therapie Nr. 57

Gestern war für uns alle ein sehr schlimmer Tag… Ich fühle mich immer noch leer und in einer anderen Welt.

Es fing bereits damit an, dass ich den Termin eigentlich um 9h00 gehabt hätte und um halb zehn immer noch im Wartezimmer sass. Dieses mulmige Gefühl schlich sich in mich hinein. Es frass sich langsam durch das Herz und schnürte es zusammen… Draussen bewegten sich die Bäume vom Wind und mein Blick wurde ganz gläsern. Genau in diesem Moment fühlte ich mich furchtbar alleine. Es kroch mir am Körper hinauf und schüttelte mich einen Augenblick.
Ich wusste bereits, das was nicht stimmen würde. Dr. S. schaute sich die CT-Bilder gerne selber an und das brauchte Zeit. Doch das ging zu lange. Als er mich endlich aufrief, wusste ich es bereits. Mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl für sowas. Etwas stimmte nicht. Da nützte auch die Anfangsfrage, wie es mir den gehen würde, nichts. Kommen wir zur Sache.

Wie immer fragte ich ihn geradeheraus, wie schlimm die Bilder seien. Er gab mir erstmals keine Antwort, danach meinte er, er wolle es mir auf den Bildern zeigen. Gut machen wir es so.
Er rief die CT-Bilder vom letzten Oktober hervor und scrollte zum Brustkorb. Da sah ich ein paar von den alten Metastasen. Nichts neues. Er hielt das Bild oberhalb der Brust und fixierte es. Da war mal nichts zu sehen. Danach holte er in der anderen Hälfte des Bildschirms die aktuellen Bilder hervor.
Wieder scrollte er. Mein Blick gespannt. Wieder ein paar von den alten Metastasen. OK. Und dann sprang es mich an. Dort wo es schwarz sein sollte, wie auf dem anderen…. Da war ein diffuser weisser Fleck. Klar abgegrenzt. Ich guckte ungläubig und wusste Bescheid. Er brauchte nicht viel zu sagen. Das sah sogar ich, das der bösartig war. „Grösse?“ war meine einzige Frage. 1.4 cm also 14mm. Mein Kopf fing an zu schütteln ohne bewusste Entscheidung. Ungläubigkeit. Jeder Gedanke verflüchtigte sich sofort.

Mein Kopf wurde unglaublich leer. Meine Hände zitterten und wurden eiskalt. Die Augen weiteten und zogen sich zusammen. Die Brust fing langsam an, sich zusammen zu schnüren. Der Fokus verschwand. Und wieder Chaos im Kopf. Ich war entsetzt… geschockt.

Im nächsten Schritt versuchte er mir noch zwei weitere neue Metastasen zu zeigen. Beim zweiten ist klar, dass es sich ebenfalls umeine neue Metastase handelt. Ein bisschen kleiner als der Erste, aber klar sichtbar. Der Dritte ist für Dr. S. ebenfalls eine Metastase, aber nicht zu 100%. Es könnte noch von der Infektion sein, die ich durchgemacht hatte. Aber das tönte nicht so überzeugend. Dr. S. ist äusserst intelligent. Ich war/bin mir sicher, dass er genau wusste/weiss, was Sache war. Und es spielte auch überhaupt keine Rolle mehr.

Im nächsten Schritt mussten wir klären, was das für die Zukunft hiess…

Die Sache ist relativ klar. Die bisher erfolgreiche Therapie, in der alle ihre Hoffnungen reingesteckt hatten und die bei mir ein ausserordentlich gutes Outcome bewies, fing in ihrer Wirkung nach zu lassen. Die Krebszellen scheinen einen neuen Weg gefunden zu haben, mein System auszutricksen. Es ist echt pervers… Das einzige Ziel einer Krebszelle, ist das Überleben um jeden Preis. Wie doof ist das denn…

Dr. S. fing an mir zu erklären, wie die nächsten Schritte aussehen sollen. Ich bekäme heute die letzte Therapie, warum auch immer. In vier Wochen soll ein neues CT erstellt werden. Damit kann die Zellteilungsrate geschätzt werden, also die Aggressivität der Metastasen. Das ist das Eine und das Andere ist, wenn die eine Metastase trotz aller Erwartungen doch eine entzündliche Reaktion war, sollte diese dann weg sein. Natürlich bin ich zu lange im Geschäft um zu wissen, dass dies keine entzündliche Reaktion ist.

Nebst dem CT ist ein neues MRT vom Kopf unerlässlich. Das Letzte ist vom Oktober… Das macht mir Scheiss-Angst. Ich habe noch kein Neues. Das wird wieder eine Zitterpartie sondergleichen. Gleichzeitig sind diese Schritte bereits schon Vorbereitungen für die neue Studie. Das benötigt unglaublich Vorlaufzeit und Vorbereitung.
Ich bin auch gespannt, was ich alles von Bern aus machen darf und wie oft ich dann nach Zürich pendeln muss. Das nimmt wahnsinnig viel Zeit in Anspruch. Ich hoffe, es würde sich dann lohnen.

Der nächste Schritt ist die Anmeldung in eine Studie in Zürich. Wir werden sehen ob diese was für mich ist.

Anti-LAG-3 Therapie von Bristol-Meyers-Squibb

Also am 26. März habe ich erstmals den Termin für das MRT. Am Freitag 29. März dann den Termin für das CT mit anschliessender Besprechung der Bilder und wie es weitergehen soll. Das wäre der Plan, den mir Dr. S. vorgeschlagen hat.

Ich sass in diesem Besprechungszimmer und meine Hände und meine Beine hörten einfach nicht auf zu zittern. Ein untrügliches Zeichen für Panik… und Angst…. Ich konnte mich nur noch schlecht kontrollieren. Dr. S. redete von irgendwas, aber ich verstand nichts mehr. Ich spürte nur diese Schwere und wollte mich bloss nur noch hinlegen.

Irgendwie und irgendwann kam ich aus diesem Behandlungszimmer und lief zum Sekretariat für einen Termin ins CT und MRI auszumachen.

Danach lief ich weiter zu den Therapie-Zimmern und verlangte als erstes beim behandelnden Team ein Temesta© zur Beruhigung. Diese haben die Vorteile, sehr schnell zu wirken. Meine Tränen fingen nur noch zu laufen an. Mir tat alles weh und ich konnte mich kaum mehr auf den Beinen halten. Der Schock und die Trauer waren riesig. Meine Enttäuschung und meine Angst waren so gross. Ich hatte den Eindruck, nächstens verschluckt zu werden.
Das Wasser lief am Gesicht runter und füllte den Hals. Ich musste mich kurz hinuntersetzen und meine Tränen runterschlucken. Ansonsten hätte ich angefangen loszuschreien. Ich bekam mein Temesta© sofort und wurde an einen Behandlungsplatz hingewiesen.

Ich liess mich direkt auf die Liege fallen und mummelte mich ein. Sie schlossen mich sofort mit dem Port an. Ich schloss die Augen und alles lief mir aus. Vor mir lag nur noch die elende Schwärze der Dunkelheit. Es tat mir alles weh und ich vermochte nicht mehr das Positive im Leben zu sehen. In diesem Moment gab es nur mich und diese grausame, gierige Dunkelheit. Am liebsten wäre ich eingeschlafen und nie wieder aufgewacht.

Diese Verzweiflung ist was ganz Eigenartiges. Sie tanzt um dich herum, versucht dich in ihren Schlund zu ziehen… immer weiter hinein. Du siehst es kommen und kannst doch nichts dagegen tun. Man wird schwerelos und sie verführt einen mit dem Gedanken, dass sich darin alle Gedanken und Ängste auflösen. Was natürlich nicht so ist. Aber sie verführt einen dazu.

So lag ich da, zitterte aus Kälte wie Espenlaub und fühlte mich absolut Elend. Die Therapie war längst vorüber, doch ich schaffte keinen Wank aus dem Bett. So nahm ich das Telefon hervor und rief meiner Psychiaterin Dr. P. an.
Unter Tränen erzählte ich ihr natürlich alles. Wie immer hatte sie gute Worte für mich. Sie half mir danach auch, dass ich meinem Mann anrief, damit er mich abholen kam.
Sie erklärte mir dann noch einige Dinge wegen dem Temesta© von der Dosierung her. Wie gesagt, ein stark wirksames Medikament, leider mit einem hohen Suchtpotential. Es gehört zu der Gruppe Benzodiazepam. Aber ich kannte das Medikament bereits. Ich wusste, wie ich es einnehmen musste.

Mein Mann holte mich dann bei nächster Gelegenheit ab und ich schaffte es endlich nach Hause.
Zuhause angekommen, legte ich mich nur noch hin und schlief. Mir tat alles so dermassen weh und ich hatte beinahe Angst am Schmerz und der Trauer zu sterben. Es war ein elendes Gefühl.

Ich war sehr froh, dass meine Kinder an diesem Tag gut versorgt waren und mich nicht sehen mussten. Fähig zur Betreuung war ich definitiv nicht. Unsere Kinder sind einfach noch zu klein um verstehen zu können. Es war ein erklärtes Ziel von uns, die Kinder noch nicht darin einzuweihen. Das Problem war, dass es ihnen zuviel Angst machen würde und das für nicht sehr viel. Wenn die Zeit gekommen war, werden wir es ihnen altersgerecht erzählen.

 

 

 

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